Badische Zeitung vom 2. November 2019
Wo Vielfalt war, ist nur noch ein Kraut

Unbekannte haben die im Sommer angelegte Wildblumenwiese fast zerstört – durch das Ausbringen von Samen der Ramtillpflanze

Aus der Wildblumenwiese auf dem Friedhof ist eine von Ramtillkraut überwucherte grüne Einöde geworden.

FOTOS: Hermann Künzig
Von Ulrich Senf
WEIL AM RHEIN. War es nur falsch verstandene Umweltliebe oder gar böse Absicht? Die Frage mag Hermann Künzig als ehemaliger Vorsitzender der Ortsgruppe des Schwarzwaldvereins und Mitinitiator der Aktion „Biene Maja hat Hunger“ nicht beantworten. Klar ist nur, dass Unbekannte einige der im Sommer angelegten Wildblumenwiesen fast zerstört haben – indem sie eine zusätzliche Pflanze aussäten: Das afrikanische Ramtillkraut, das als biologischer Unkrautvernichter sämtliche anderen Pflanzen verdrängt.

Noch im Juli hatten sich die Gemeinderäte bei einer Ortsbesichtigung auf dem Friedhof über die farbenprächtig blühenden Wildblumenwiesen gefreut und die Leitung der ehrenamtlichen Naturschützer gelobt. Auf mehr als 1000 Quadratmetern, rund 900 in zwei Parzellen auf dem Friedhof und rund 200 beim Hochhaus an der Stettiner Straße, waren zuvor Samen ausgebracht worden, die speziell aus heimischen Arten bestehen und damit den Bienen reichhaltig Nahrung geben sollten. Doch schon wenigen Wochen später war es mit der Freude vorbei. Da machte sich nämlich in kürzester Zeit, bedingt durch die Trockenheit, die anderen Pflanzen zusetzte, auf den beiden Anlagen auf dem Hauptfriedhof wie auch auf der privaten Fläche beim Hochhaus eine Pflanze breit, die alles andere zurückdrängte und nach und nach dafür sorgte, dass die Wildblumen abstarben.


„Ich bin völlig erschrocken, als ich darauf aufmerksam gemacht wurde“, erzählt Hermann Künzig, der sich auch von den Mitstreitern fragen lassen musste, was für eine Saatmischung er denn da angeschleppt habe. „Erst einmal ging es darum, herauszufinden, was das denn für ein Kraut ist, das alles verdrängt – und das war gar nicht so einfach“, berichtet der engagierte Umweltschützer und bekennende Bienenfreund, der schon seit Jahren die Aussaat solcher Wildblumenwiesen propagiert und tatkräftig unterstützt. Als dann feststand, dass es sich um das afrikanische Ramtillkraut handelt, wurden sofort Gegenmaßnahmen ergriffen. Um sicher zu gehen, dass sich das Kraut nicht weiter ausbreitet, wurde alles abgemäht und sogar mit einem Art Staubsauger Samen beseitigt. „Da war klar, dass unsere gesamte Arbeit für die Katz war“, fasst Künzig seine Enttäuschung zusammen. Das Kraut wird nämlich inzwischen als biologischer Unkrautvernichter und Gründünger eingesetzt, weil es die Eigenschaft hat, so schnell und dicht zu wachsen, dass heimische Pflanzen, die als Lichtkeimer auf Sonnenlicht angewiesen sind, sich gar nicht mehr entwickeln können und damit absterben.


Parallel machte sich Künzig auf die Suche nach den Ursachen. Dabei zeigte sich bald, dass es sich weder um verunreinigtes Saatgut handeln konnte, noch dass die Pflanze mit dem Humus eingeschleppt worden sein könnte – beides hätte nicht erklärt, warum das Ramtillkraut zeitgleich auf Flächen aufgetaucht ist, die mit verschiedenem Saatgut und mit verschiedenem Unterboden hergerichtet worden waren. „Von den Saatgutherstellern haben wir sogar eidesstattliche Erklärungen, dass die Mischungen einwandfrei waren“, erklärt Künzig.


Am Ende bleibt nur die Erklärung, dass „sich ein unbekannter Bienenliebhaber auf den Aussaatflächen zu schaffen gemacht hat und eine zusätzliche, nicht heimische Blumenpflanze ausgesät hat“, formuliert es Künzig. Der habe wohl „Gutes“ für die Honigbiene tun wollen, am Ende aber dafür gesorgt, dass die Bienen nichts mehr zu fressen finden. „Diese Pflanze ist für unseren ehrenamtlichen Naturschutz sehr schädlich“, fasst Künzig zusammen und appelliert an den Verursacher: „Lieber aktiver Bienenfreund: Ihr Blumengeschenk auf Kuckucksart wollen wir nicht, weil es unsere geplante Nachhaltigkeit zerstört! Kommen Sie zu uns und machen bei uns mit“, lädt er, nicht ohne ironischen Unterton, ein.


Arbeit gibt es genug: In Kürze soll nämlich neuer Samen – selbstverständlich von heimischen Wildblumen – ausgebracht werden. Die sollen hoffentlich auf Jahre hinaus mir ihrer Farbenpracht Freude bringen und Bienen als Futter dienen.



Weiler Zeitung vom 2. November 2019

Ramtillkraut macht sich auf Wildblumenwiesen breit

Natur : Verantwortliche, die Flächen für Insekten angelegt haben, ärgern sich über schädliche Aussaat

Weil am Rhein. Die Verantwortlichen der Naturschutzabteilung des WeilerSchwarzwaldvereins und der
ehrenamtlichen Gruppe „Stettiner Straße 7" sind enttäuscht, Ramtillkraut 1wie ihre ehrenamtliche Arbeit von sachunkundigen Leuten geschädigt oder sogar teilweise zerstört wird. Beide Gruppen hatten sich dieses Jahr unter großem Aufwand für Wildbienen und nektarabhängige Insekten sowie für aussterbende heimische Wildblumen eingesetzt und entsprechende Flächen auf dem Friedhof und an der Stettiner Straße angelegt.
  Nach der Aussaat hatte sich „ein unbekannter Bienenliebhaber" dort zu schaffen gemacht und eine zusätzliche, nicht heimische  Blumenpflanze ausgesät, heißt es in einer Mitteilung. „Er wollte bestimmt auf Kuckucksart zusätzlich etwas Gutes für Honig-Bienen hinzufügen" - und hatte das Ramtillkraut, eine in Afrika heimische Blu-menpflanze, nachträglich ausgesät. „Diese Pflanze ist für unsere ehrenamtliche Nafurschutzarbeit aber sehr schädlich", schildern Hermann Künzig vom Schwarzwaldverein und Hans Bund von der Arbeitsgruppe.
  Das afrikanische Ramtillkraut werde auch als Unkrautvernichter  eingesetzt, da es sehr schnell und sehr
dicht innerhalb von sechs Wochen praktisch auch ohne Wasser heranwachsen könne und somit langsamer wachsende Pflanzen überwuchere und ihnen das Licht wegnehme, so dass sie absterben müssen.
  Die Möglichkeit, dass das Kraut aus dem nachträglich eingebrachten Humus stammen könnte, sei sehr unwahrscheinlich beziehungsweise ausgeschlossen, weil auf den 200 Quadratmetern an der Stettiner Straße kein Humus hinzukam, heißt es weiter. „Das heißt, eine seit Jahren brachliegende Wiese wurde für die Aussaat vorbereitet, und das Ramtillkraut hat auch dort einen Großteil der gut entwickelten Wildblumenkultur überwuchert und absterben lassen."
  Die einjährigen Wildblumenpflanzen erreichen ihre Nachhaltigkeit durch Selbstaussaat nach der Samenreife. Die Samen fallen zu Boden und keimen durch die Feuchtigkeit. Danach seien sie abgestorben, weil ihnen das Licht durch das sehr schnell und dicht wachsende Ramtillkraut genommen wurde.

Kraut kommt in diesen Breitengraden nicht vor

  „Was auch für eine nachträgliche Kuckucksart-Aussaat spricht, ist, dass das afrikanische Ramtillkraut in unseren Breitengraden nicht zur Samenreife kommt", heißt es weiter. „Das Ramtillkraut ist einjährig und wird auch als Gründüngungspflanze eingesetzt, die wir aber für heimische Wildbienen wegen der feindlichen Nachhaltigkeit nicht brauchen können." Jegliche Nachdüngung sei unerwünscht. „Jeder, der etwas davon versteht, weiß: Je magerer der Boden, desto größer die Blütenpracht für die meisten nektarspendenden Wildblumen", so Künzig und Bund.
  Die Verantwortlichen fragen sich: „Warum müssen Unkundige als Verschlimmbesserer und als Kuckuck auf-treten und so kostspielige ehrenamtliche Tätigkeiten und weitere Motivationen zerstören?" Auf vergleichbare Art habe sich auch das als Plage auftretende Indische Springkraut verbreiten können.

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